„Unter Wasser“ von Tara Menon
Der Debütroman „Unter Wasser“ von Tara Menon erzählt von Trauer – und schreibt doch vor allem gegen die Illusion einer beherrschbaren Natur an.
„Unter Wasser“ von Tara Menon ist unsere Buchempfehlung der Woche
Einzig die 20 Zentimeter lange Narbe an Marissas Bauch zeugt heute noch von der riesigen Welle, die am zweiten Weihnachtstag 2004 den Westen Thailands und Marissa unter sich begraben hat. Erinnert wird Marissa in der Regel nur von all den namenlosen Männern, in deren Betten sie sich einladen lässt, und die, auf das leuchtend weiße Wundmal deutend, fragen: „Wie ist das passiert?“ Sie sei gestürzt: case closed. Es ist, als trage sie ein Geheimnis mit sich herum. Ist bei dem tödlichen Tsunami an der Andamanensee doch damals ihre beste Freundin Arielle ums Leben gekommen, mit der sie gemeinsam mit den Mantarochen durch die bunte Unterwasserwelt getaucht ist. Heute arbeitet Marissa für ein Reisemagazin für Superreiche, in dem die Natur zu Adjektiven zurechtgestutzt wird: exotisch, unberührt, kristallklar. Zumal die zerstörerische Erbarmungslosigkeit, von der Marissa nur allzu gut zu berichten wüsste, erst recht keinen Platz findet. Die in Indien geborene, in Singapur aufgewachsene und mittlerweile als Professorin für Englische Literatur in Harvard arbeitende Tara Menon legt mit „Unter Wasser“ nun ein Romandebüt vor, das auf zwei Zeitebenen von Marissa und ihrer Trauerbewältigung erzählt und sich der berührenden und berührten Natur voller Hingabe nähert.
Da wäre einmal die 2012 durch New York wandelnde Marissa, in der, angesichts des heraneilenden Hurricane Sandy, alte Wunden aufgerissen werden, die wir wiederum durch Rückblenden ins Jahr 2004 zu der in Thailand lebenden Marissa zu verstehen beginnen. Musste sie doch bereits als kleines Mädchen den Tod ihrer Mutter verkraften, woraufhin sie von ihrem Vater, einem Meeresbiologen, kurzerhand mit zu Forschungsarbeiten nach Südostasien genommen wurde, wo nur wenige Jahre später gleich das nächste Trauma auf sie wartet. Man könnte es amerikanisch, pathetisch oder gar gefühlig nennen, dass Menon die Tauchfreundin von Marissa ausgerechnet Arielle tauft und die zentralen Plot-Auslöser ganz gegenwartsgerecht Traumata sind, allerdings fixiert sich Menon überhaupt nicht auf die Trauma-Trauer-Heilung-Trichotomie. Vielmehr spürt sie einer Natur nach, die heute am Rande des Kollaps steht und in deren Angesicht alles – um es mit Reinhard Mey zu sagen – nichtig und klein erscheint. Dieses Debüt fühlt sich an wie ein langer Tauchgang: ruhig, schwerelos und im selben Moment ziemlich bedrückend.
Hat es Tara Menon mit „Unter Wasser“ auf unsere Liste der besten Bücher im Juli 2026 geschafft?