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„Wir könnten alles sein“ von Jami Attenberg

Portraitfoto Jami Attenberg, die mit „Wir könnten alles sein“ einen neuen Roman veröffentlicht
(Foto: Zack Smith Photography)

In ihrem raffinierten Familienroman „Wir könnten alles sein“ setzt Jami Attenberg immer wieder zu Zeitsprüngen an, sodass sie die Abgründe der US-amerikanischen Familie von den 70er-Jahren bis ins frühe 21. Jahrhundert nachzeichnen kann.

„Wir könnten alles sein“ von Jami Attenberg ist unsere Buchempfehlung der Woche

Chicago, 1971. Wie jeden Samstag versammelt sich die Familie Cohen zum gemeinsamen Spielen um einen Acrylglas-Tisch. Eine Partie Scrabble genügt Jami Attenberg („Die Middlesteins“), um die Figuren ihres achten Romans „Wir könnten alles sein“ einzuführen und gleich vorwegzunehmen: Der insgeheim bisexuelle Vater, Rudy, ein Holocaust-Überlebender, wird sterben. Eine der vielen Vorahnungen. Gilt für diesen raffinierten Familienroman doch die Plattitüde: Der Weg ist das Ziel. Und Plot ist für Attenberg nicht mehr als Beiwerk, um von den Neurosen, der Selbstsabotage und den komplizierten Familienbeziehungen zu erzählen.

In rasanten Sprüngen eilt sie durch die Jahrzehnte und wechselt von Miami nach Seattle, von der Wüste Arizonas nach New York, wohin es die Wodka-liebende Mutter Frieda und ihre Töchter Nancy und Shelly nach dem Tod des Patriarchen verstreut hat. Einzig Beerdigungen, Weihnachten und Nancys Tochter Jess strukturieren noch die sporadischen Zusammenkünfte. Während sich Frieda in den nächsten im Sterben liegenden Mann verliebt hat, Nancy in einer Ehe festhängt, die sie sich selbst zu erklären versucht, und Shelly Karriere in der frühen Handy-Industrie macht, beginnt Jess, Fragen über die Vergangenheit zu stellen. Was genau zwischen den Zeitsprüngen passiert, bleibt ungeklärt. Umso beeindruckender, wie Attenberg selbst Nebenfiguren trotz fehlender narrativer Rampen neupositioniert, die Beziehungen zueinander nachjustiert und wir als Leser:innen nie das Gefühl haben, den Faden zu verlieren. Kulturelle Marker hegen die vier Frauen geschickt in eine Welt ein, die von den 70er-Jahren bis ins frühe 21. Jahrhundert gleitet und gleichermaßen von der Goldgräberstimmung der frühen Tech-Branche und von #MeToo wie von den Abgründen der amerikanischen Familie erzählt.

Mit „Wir könnten alles sein“ hat es Jami Attenberg auf unsere Liste der besten Bücher im April 2026 geschafft.

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