Gulistan von Karosh Taha
In „Gulistan“ findet Karosh Taha eine völlig neue Sprache für das Leben unter der Herrschaft der Gewalt.

„Gulistan“ von Karosh Taha ist unsere Buchempfehlung der Woche
„Er hatte zwei Persönlichkeiten.“ Das sagt Ala Bashir, Saddam Husseins Leibarzt, in einem Interview über den Diktator. Karosh Taha nimmt die Aussage aus dem Gespräch, das sie zwischen den Kapiteln von „Gulistan“ immer wieder zitiert, zum Ausgangspunkt ihres neuen Romans. Darin verschwindet Gulistans Ehemann, der Schneider Çîya, plötzlich spurlos. Leider keine große Überraschung, denn als Kurd:innen werden sie vom irakischen Regime erbarmungslos verfolgt. Trotzdem sucht sie unermüdlich nach ihm, bis sie glaubt, ihn erkannt zu haben: in Saddam Hussein selbst. Ist ihr Mann zum Doppelgänger des Diktators gemacht worden, um den Paranoiden vor der Ermordung zu schützen? Obwohl sie für verrückt erklärt, inhaftiert und gefoltert wird, hört Gulistan nicht auf, die unglaubliche Wahrheit zu verkünden.
Tahas Roman steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis, und es ist leicht zu verstehen, warum: Sie hat für „Gulistan“ eine völlig eigene Sprache gefunden, die das Leben in einem so gewalttätigen wie absurden System sichtbar und fühlbar macht. Ob sie jede Wortdopplung des Arztes detailgetreu mitschreibt, Gulistans nervöses Stottern durch Leerzeichen und Umbrüche abbildet oder die Sätze zweier sich unterhaltender Personen ineinander verschiebt, jedes Experiment dient dem Zweck, eine Realität einzufangen, die letzten Endes unerträglich ist. Dazu kommen die assoziativen Bilder und poetischen Metaphern, die Gulistans Kopf entspringen und uns oft in langen Sätzen ohne Kommas entgegengeschleudert werden. Im letzten Kapitel erzählt Taha gar zwei Handlungsstränge gleichzeitig, einen oben und einen unten auf der Seite. Das ist durchaus sperrig und verlangt eine Menge Konzentration, doch wer sich darauf einlässt, wird mit einer selten intensiven Schilderung des Lebens unter einer Gewaltherrschaft belohnt. Und mit einem Buch, das viel länger und tiefer ist, als seine 160 Seiten vermuten lassen.
Mit „Gulistan“ hat es Karosh Taha auf unsere Liste der besten Bücher im September 2026 geschafft

Literatur


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