„Kaskaden“ von Louise K. Böhm
Warum nur gelingt es Louise K. Böhm mit „Kaskaden“ nicht, zu den anvisierten Gender-, Class- und Traumaverarbeitungsfragen durchzudringen?
Louise K. Böhms Roman „Kaskaden“ beginnt mit Jojo, die eine DVD in der Hand hält – von Yara, ihrer ehemals besten Freundin, die vor vier Jahren einfach aus ihrem Leben verschwand. Verdrängte Erinnerungen reißen die Studentin zurück in die graue Vorstadt, zurück in die unangepasste, prekäre Kindheit und Jugend, die die beiden teilten. Doch bald wird Jojo klar, dass Erinnerung kein verlässlicher Ort ist – und dass sie ein neues Selbst im Hier und Jetzt finden muss …
Obwohl Böhm den Sound adoleszenter Zugehörigkeitsangst zweifellos beherrscht, geht „Kaskaden“ einmal zu oft auf Nummer sicher, indem es sich an bewährte Tropen des Coming-of-Age-Genres hält: Songreferenzen als Platzhalter für authentische Gefühle; ein gerüttelt Maß an Sätzen, in denen „fast“ etwas geschieht, bevor wer immer „fast“ etwas gedacht/gefühlt/getan hätte sich am Riemen reißt und die nächsten anderthalb Absätze diese Entscheidung bereut; und Dialoge voll „Will-they-won’t-they“-Schmalz, der gehörig von den Gender-, Class- und Traumaverarbeitungsfragen ablenkt, die zu erkunden der Text eigentlich angetreten ist.
Das ist schade, weil der Roman gerade da stark und menschlich wird, wo Jojo ihre habituellen Paranoien nicht mit edgy Underdog-Zynismus über „die ganzen Lisas und Johannes und Lenas und Pauls in ihren Northface-Jacken“ kompensiert, die den Campus bevölkern, sondern selbst im einsamen WG-Zimmer noch den Inkognito-Modus aktiviert, bevor sie slow sensual porn schaut; wo sie ihre Beobachtungsgabe für die Requisiten linker Performer spielen lässt; und wenn es ihr erst beim letzten Anlauf gelingt, das wahre Wesen ihrer Ex-Freundin Yara jenseits aller Idealisierung zu erkennen.
Dramaturgische Fragen tun sich ebenfalls auf. Erstens wirkt Böhms Entscheidung, ihre Protagonistin ausgerechnet Biologie studieren zu lassen, trotz minutiöser Begriffsrecherche nicht wie organische Figurenentwicklung, sondern wie ein kalkuliertes Add-on. Einerseits, um repräsentanzhalber zu zeigen, dass auch Frauen in MINT-Fächern brillieren (fair enough, das liest man selten, obwohl es natürlich stimmt).
Andererseits, weil Böhm wohl gelernt hat, dass sich die innere Unordnung einer Figur am besten mit einer Fixierung auf eine die äußere Welt ordnende Naturwissenschaft ausdrücken lässt. Das funktioniert, ist aber wenig originell.
Zweitens sorgt der auf elf gedrehte Cringe in den Szenen mit Jojo und Jakob dafür, dass man kaum so lange dranbleiben will, um zu erfahren, ob sich das heteronormative Geschmachte am Ende selbst entlarvt. Die Passagen gleichen einer List, um auch Genre-Publikum abzuholen, das vor der beworbenen Literarizität des Buchs normalerweise zurückschrecken würde.
Insgesamt hat Louise K. Böhm mit „Kaskaden“ ein überraschend braves Debüt hingelegt, hinter dem nur ein Schelm die verlagsseitige Einhegung einer (glaubt man ihren Social-Media-Auftritten) ansonsten beeindruckend politisierten Autorin vermuten würde.
Hat es Louise K. Böhm mit „Kaskaden“ auf unsere Liste der besten Bücher im August 2026 geschafft?