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Jahresrückblick 2020: Das sind die 20 besten Bücher

Cover: Das sind die 20 besten Bücher 2020

Die besten Bücher 2020: Führt Dorothee Elmiger unsere Jahresbestenliste an, auch wenn sie mit „Aus der Zuckerfabrik“ nicht den Deutschen Buchpreis gewinnen konnte? Oder liegt Leif Randt mit seiner intelligenten Beziehungsanalyse „Allegro Pastell“ bei den besten Büchern 2020 ganz vorn? Im Rennen um eine Spitzenposition ist natürlich auch Sally Rooney, die nach „Gespräche mit Freunden“ mit „Normale Menschen“ einen noch stärkeren Zweitling vorgelegt hat. Und was machen all die spannenden Debütantinnen wie Verena Keßler, Olivia Wenzel, Leona Stahlmann, Amanda Lasker-Berlin und Ronya Othmann?

Jahresrückblick 2020: Die besten Bücher Plätze 20 – 11

20. Jami Attenberg: Nicht mein Ding

19. Benjamin Maack: Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein

18. Mercedes Spannagel: Das Palais muss brennen

17. Victor Jestin: Hitze

16. Verena Güntner: Power

15. Ben Lerner: Die Topeka Schule

14. Sally Rooney: Normale Menschen

13. Sebastian Jabata: Die Ambassadorin

12. Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied

11. Roman Ehrlich: Malé

Unsere Top 10 der besten Bücher 2020

10. Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin

Buchcover „Die Gespenster von Demmin“ von Verena Keßler1945 kommt es in Demmin zu einem Massenselbstmord. 2020 wählt Verena Keßler genau diesen Ort für eine Coming-of-Age-Geschichte, die es mit „Tschick“ aufnehmen kann. Im Interview mit kulturnews erzählt die in Leipzig lebende Autorin, warum sie den Massensuizid in ihrem Debüt thematisiert. „Ich wollte wissen: Warum ist das passiert? Warum ist es gerade dort passiert? Außerdem habe ich mich gefragt, was das auch heute noch mit dem Ort macht. Dass es in einer so kleinen Stadt einen so großen Vorfall gegeben hat, der noch nicht richtig verarbeitet zu sein scheint, mit dem man erinnerungstechnisch nicht so recht umzugehen weiß, der da irgendwie so herumgeistert, das hat mich sehr interessiert.“

Hanser Berlin, 2020, 240 S., 22 Euro

9. Katrin Seddig: Sicherheitszone

Die besten Bücher 2020: „Sicherheitszone“ von Katrin SeddigDie besten Bücher 2020 – diese Liste kommt natürlich nicht ohne Katrin Seddig aus: „Kreativer Protest. Legt eure Panzer ab! Sich von erstarrten Strukturen befreien. Sie selbst fühlt sich in erstarrten Strukturen gefangen, seit längerem schon. Alles, was man längere Zeit macht, führt vielleicht dazu. Selbst die völlige Befreiung kann vielleicht irgendwann zu einer Erstarrung führen, wenn man erstarrt vor lauter Freiheit.“ Katrin Seddig erzählt eine Familiengeschichte, die während des G20-Gipfels in Hamburg spielt: Die Ehe von Thomas und Natascha geht in die Brüche, ihre 17-jährige Tochter Imke engagiert sich bei Jugend gegen G20, und ihr älterer Sohn Alexander macht sich als Polizist Sorgen, plötzlich bei einem Einsatz seiner Schwester gegenüberzustehen.

Rowohlt Berlin, 2020, 460 S., 24 Euro

8. Alexander Chee: Edinburgh

Alexander Chee: EdinburghEs hat fast 20 Jahre gedauert, bis der grandiose Debütroman von Alexander Chee endlich in deutscher Übersetzung erscheint. Zu verdanken ist das wohl nicht zuletzt dem großen Erfolg von Ocean Vuongs „Auf Erden sind wir kurz grandios“ im letzten Jahr: Chee war Vuongs Hochschullehrer und hat dessen Karriere entscheidend geprägt. Vuong und Chee einen die koreanischen Wurzeln, und auch Chee wurde als Heranwachsender in den USA sowohl wegen seiner Hautfarbe als auch wegen der sexuellen Orientierung ausgegrenzt. In dem autobiografischen Coming-of-Age-Roman „Edinburgh“ erzählt er aus der Perspektive des zwölfjährigen Phi vom sexuellen Missbrauch in einem Knabenchor. Selbst als sich abzeichnet, dass sein bester Freund Peter das nächste Opfer des Chorleiters werden wird, schweigt Phi aus Scham. Anspielungsreich und mit poetischer Sprache dokumentiert Chee das jahrelange Ringen mit dieser Schuld und die Schwierigkeit einer Identitätsfindung nach den traumatischen Erlebnissen.

Albino, 2020, 304 S., 22 Euro

Aus d. Engl. v. Nicola Heine u. Timm Stafe

7. Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik

Die besten Bücher 2020 Dorothee Elminger Aus der Zuckerfabrik Cover„Martin, der Lektor, sagt, im Falle einer Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen müsse auf jeden Fall ,Roman’ auf dem Umschlag stehen. […] Ich sage, es handle sich um einen Bericht über eine Recherche.“ Mit diesem Satz, ungefähr in der Mitte von „Aus der Zuckerfabrik“, fasst Dorothee Elmiger ihr neues Buch denkbar gut zusammen. Statt mit einer Handlung oder Figuren, die mehr als Initialen sind, werden Leser mit Elmigers eigener Suche nach einem Zusammenhang konfrontiert. Sie ist wie besessen von einzelnen historischen Szenen, die ein denkbar weites Feld abdecken: die Versteigerung der Besitztümer eines bankrotten Lottogewinners. Eine Doku über eine dominikanische Zuckerplantage. Die Aufzeichnungen einer frühen Patientin der Psychoanalyse. Kapitalismus und Kolonialismus. Ihre eigene Suche nach Liebe. Jede Menge Literatur. Was haben all diese Komplexe gemeinsam? Die Autorin weiß es selbst nicht genau – aber sie ahnt, dass der menschliche Hunger, das Begehren in all seinen Facetten von Sehnsucht bis Gier eine zentrale Rolle spielt. Was sperrig beginnt, entwickelt bald einen hypnotischen Sog: Man sieht zu, wie Elmiger Fragmente aufhäuft, und wie ihr selbst schwindelt einem von den plötzlich sichtbaren Verbindungen. Das Schönste an diesem sehr schönen Buch ist die Art, wie es sich zuletzt selbst als Illustration des menschlichen Hungers erweist: des Hungers nach Wahrheit. Und natürlich darf Dorothee Elmiger auf unserer Liste der besten Bücher 2020 nicht fehlen.

Hanser, 2020, 272 S., 23 Euro

6. Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir

die besten Bücher im Dezember 2020: Buchcover „Monster wie wir“ von Ulrike Almut SandigUlrike Almut Sandig ist etablierte Lyrikerin. Ihren ersten Roman hat sich die 41-Jährige aufgespart, um einem schwierigen Thema einen ganz neuen Ton zu verpassen: In „Monster wie wir“ erzählt sie von den besten Freund*innen Ruth und Viktor, die in der ostdeutschen Provinz aufwachsen. Beide erfahren in ihrer Familie Gewalt und sexuellen Missbrauch. Während Ruth sich mehr und mehr in ihre Karriere als Musikerin flüchtet, sucht Viktor einen Halt in der Neonaziszene und geht schließlich als Au-pair nach Frankreich. Sandig schreibt nicht autobiografisch, doch war es ihr wichtig, in ihrem Text mit Autofiktion zu arbeiten. So schafft sie eine Erzählhaltung, mit der sie sehr dran an ihrem Thema ist, doch vermeidet sie diesen Ton der Betroffenheit, der bei vielen anderen Büchern zum Thema Gewalt und Missbrauch eher abschreckend wird.

Wir haben mit Ulrike Almut Sandig ausführlich über „Monster wie wir“ gesprochen.

Schönling, 2020, 240 S., 22 Euro

5. Leona Stahlmann: Der Defekt

Der Defekt: Der Debütroman von Leona Stahlmann im BüchergesprächIn der Literatur wird BDSM gern sensationslüstern ausgestellt, doch Leona Stahlmann richtet in ihrem Debüt den Blick lieber nach innen und verhandelt das Thema in Kombination mit einer Coming-of-Age-Geschichte: Die 16-jährige Mina wächst in einem kleinen Dorf im Schwarzwald auf. Sie lernt den zwei Jahre älteren Vetko kennen und geht mit ihm eine zwischen Lust und Schmerz pendelnde Verbindung ein. Mina begreift ihre von der Norm abweichende Sexualität als einen Defekt, und als Vetkos Forderungen immer existenzieller werden, stellt sie sich die Frage, wie weit sie bereit ist zu gehen. Die besten Bücher 2020? „Der Defekt“ von Leona Stahlmann darf da auf keinen Fall fehlen.

Leona Stahlmann im Interview mit kulturnews.

Kein & Aber, 2020, 272 S., 22 Euro

4. Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen AngstSchwarz, weiß, Frau, queer, ostdeutsch. Die namenlose Protagonistin der Autorin Olivia Wenzel zerfällt in etliche Identitäten, Wenzels Debütroman „1000 Serpentinen Angst“ tut es ihr gleich: Drei Teile hat er, der erste und der letzte finden überwiegend als Dialog mit einer internen Stimme statt, deren Rolle so fluid wie ihre Präsenz allumfassend ist. Mal klingt sie wie ein Überwachungsstaat, mal wie ein*e Therapeut*in, mal wie ein seelischer Spiegel. Immer wieder fragt sie: „Wo bist du jetzt?“ Diese Frage leitet den Fluss der Erzählung, die sich zwischen dem Besuch bei der Großmutter, einem Urlaub in den USA zur Zeit von Donald Trumps Wahlsieg 2016 und einem Urlaub in Vietnam abspielt. Dazwischen steht, im zweiten Teil, der das Dialogschema aufbricht, der Besuch bei der Mutter und damit das überall angerissene Resümee der Vergangenheit. Außerdem: das Klarkommen auf die turbulente Gegenwart und die Reflexion der vielen Identitäten, die stets aufs Neue rekontextualisiert werden müssen. Denn die Vergangenheit hinterlässt Spuren im Jetzt: Beziehungsunfähigkeit, Angststörungen, Destruktivität und Depression – Olivia Wenzel stellt beklemmend dar, was mit einer Frau geschieht, für die es zur Überlebensstrategie geworden ist, stets eine Außenwahrnehmung mitzudenken.

Fischer, 2020, 352 S., 21 Euro

3. Leif Randt: Allegro Pastell

Leif Randt: Allegro PastellMit „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ und „Planet Magnon“ ist er in die Zukunft gereist, um die Gegenwart zu verstehen. Der neue Roman von Leif Randt bleibt im Jetzt: Wenn er in „Allegro Pastell“ die Fernbeziehung zwischen dem Webdesigner Jerome Daimler und der Berliner Autorin Tanja Arnheim durchleuchtet, erklärt er die Liebe und noch vieles mehr. „Ich wollte mich selbst ein bisschen überraschen und gleichzeitig aus einer Comfort Zone heraus schreiben. Das Leben in einem südhessischen Dorf und ein Freelancer-Dasein in Berlin sind ja Antiparameter, viel weniger interessant und irgendwie auch schmerzhaft kann man es ja fast nicht anlegen – darin lag ein Reiz. Und so ähnlich wie bei „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ hatte ich irgendwann eine Schreibhaltung gefunden, in der ich mich geschützt genug fühlte und trotzdem fast alles reinschreiben konnte, was mich beschäftigt hat. Um mich das zu trauen, brauchte ich wahrscheinlich diesen Vorlauf von komplizierteren Projekten“, sagt Leif Randt im Interview mit kulturnews. Auf unserer Liste mit den besten Büchern 2020 schafft es Leif Randt auf Platz drei.

Kiepenheuer & Witsch, 2020, 288 S., 22 Euro

2. Jonas Eika: Nach der Sonne

Die besten Bücher 2020 Jonas Eika Nach der Sonne CoverAls er im letzten Jahr mit dem Literaturpreis des Nordischen Rats ausgezeichnet wird, nutzt der Däne Jonas Eika seine Dankesrede, um vor Ministerpräsidentin Mette Frederiksen den staatlichen Rassismus seines Heimatlandes anzuprangern. Eine ähnliche Sprengkraft trägt auch das Debüt des 29-Jährigen in sich, das jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist: In den Novellen von „Nach der Sonne“ geht es um die Löcher, die der Kapitalismus in Eikas Protagonist*innen gerissen hat – und um die Versuche, sie zu stopfen. Da ist ein greises Ehepaar, das den Krebstod seiner beiden Töchter verarbeiten will und in der Wüste Nevadas strandet, um auf die Ankunft von Außerirdischen zu warten. Da ist ein IT-Berater in Kopenhagen, der feststellt, dass die Bank, für die er arbeitet, in einen Krater versunken ist. Vor allem aber ist da der zweiteilige Text „Bad Mexican Dog“, in dem Eika mit brutaler Sinnlichkeit von den blutjungen Beachboys am Strand von Cancún erzählt, die den reichen Touristen die Sonnenschirme hinterhertragen, sie eincremen und massieren und ihnen kühle Getränke reichen. Angetrieben von der Solidarität untereinander, vom Begehren und der Sehnsucht nach Liebe erschaffen die Jungen eine Parallelwelt, die sich nach und nach vor die übersättigte, fettleibige und gefühlskalte Wirklichkeit schiebt.

Hanser Berlin, 2020, 160 S., 20 Euro

Aus d. Dän. v. Ursel Allenstein

1. Ronya Othmann: Die Sommer

Buchcover von „Die Sommer“ von Ronya OthmannDie besten Bücher 2020 – auf der Spitzenposition dieser Liste steht „Die Sommer“. Im letzten Jahr gewann Ronya Othmann mit ihrem Text „Vierundsiebzig“ beim Bachmann-Wettbewerb nicht nur den Publikumspreis, ihr erschütterndes Protokoll über den 2014 vom IS verübten Völkermord an kurdischen Jesiden in Syrien löste bei der Jury auch eine heftige Debatte über das Unsägliche und die Grenzen der Literaturkritik aus. Diese Diskussion kontert die 27-jährige Autorin und Journalistin nun mit einem autobiografischen Romandebüt, das zunächst die Zerrissenheit und die Identitätssuche einer Protagonistin mit Migrationshintergrund in den Mittelpunkt rückt. Leyla wächst als Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden in München auf, verbringt aber die Sommerferien jedes Jahr im Dorf ihrer Großeltern in Nordsyrien. Atmosphärisch dicht erzählt sie vom archaischen Leben im Dorf und der engen Bindung zur religiösen Großmutter, doch von Sommer zu Sommer mischt sich in den kindlichen Blick ein Verstehen. Leylas Vater, der nicht für Assads Geheimdienst arbeiten wollte, erzählt ihr von seinen Entbehrungen, der lebensgefährlichen Flucht nach Deutschland und der jahrelangen Verschleppung seines Asylantrags. Später müssen auch die Großmutter und der Rest der Familie die Heimat verlassen, und Leyla ist Studentin in Leipzig, als sie die Zerstörung Aleppos und die Massaker des IS im Internet verfolgt. So ist „Die Sommer“ von Ronya Othmann eine ergreifende Coming-of-Age-Geschichte, die ohne das Unsägliche eben leider nicht auskommt.

Hanser, 2020, 288 S., 22 Euro